Peter Niedermair

 

Out of Frame

Ilse Aberers Idee ist, den Raum künstlerisch mit Objekten zu vermessen, die keinen Rahmen mehr brauchen. Nur weiße Wände und einen weißen Boden. Out of Frame. Wie für viele andere Künstlerinnen und Künstler vor ihr, beginnt in der Bludenzer Remise alle Kunst mit der Faszination des Raums. Das wussten Springenschmid und Jablonski. The Magic of the White Room. Wenn die Musik langsam zu Ende und die Spannung weiter geht. Da ist so viel Poesie, wie sie Literatur kaum zu schreiben vermag; außer vielleicht Jndi, der 15-jährige Dichter, der auf Arabisch über die Liebe schreibt, als von diesem Vogel, der in seinem Inneren singt. Die Aberer projiziert Themen in diesen Raum und eröffnet Annäherungen, ans Ganze und die Teile. Im Goldenen Schnitt. Auf dem weißen Weiß werfen die Teile Fragen auf, während die Farben Strahlen abwerfen. Und Schatten, je nachdem, je nach Licht und Position. Die Aberer, setzt ihre konkrete Kunst konsequent fort, ohne die ersten Konkreten mit einem Manifest zu kommentieren. Dabei kommt die auferlegte Strenge so federleicht daher. In den Zeichnungen das Nicht-Sichtbare, die Holzobjekte stretched und swingwing, über der Black Town die Sterne. AllerArt ist Out of Frame.

Von Bodybridge nach Circle Line

1991 entsteht aus der Auseinandersetzung mit Fragen von Körperlichkeit das erste abstrakte Gemälde „Bodybridge“. Wir übersetzen das nicht. Uns interessieren vielmehr die Fragen: Wo hat sie angefangen, wo ist sie heute, und was ist dazwischen geschehen?  Das an die Figur gebundene Zeichnen und die Auseinandersetzung mit dem Körper stellte damals für die Künstlerin eine  „wichtige Schule für das Auge und die Wahrnehmung, auch in Bezug auf die abstrakte Kunst“ (Aberer) dar. Mit „Circle – Ein poetisches Ritual“ in der Ausstellung bei Gell vor zwei Jahren sponn sie Fäden, die ihre Tableaux durchlaufen, die die Bilder um das Panorama des Lebens herum gruppierten und eine Art Kulisse schufen, während die Figuren die Stadt durchkreuzen und sich in den Zwischenräumen bewegen. The Black City, oder sagte sie Black Town? Über die Körper und die Kreise hinaus verzichtet sie auf nicht wirklich notwendige Strenge und bleibt dem Konkreten und deren Gesamtkonzept dennoch treu, ohne sie zu nennen oder noch ein Manifest nachzuschieben. Stattdessen addiert sie höchstens mehr Leerräume und Modulfelder, verpunktet golden die untergehausten abstrahlenden Farbelemente und Achsensymmetrien. Sie geht, ohne je zu weit zu gehen, was man ja eh nicht könnte, und nimmt sich die Freiheit, mit ihren Stacks, mit denen sie im Raum beginnt, vielleicht sogar ein Stück weit von den Strengen abzugehen und amüsiert sich über die Leichtigkeit von Stretched und Swingwing. Sie hat manches, wenn auch auf gänzlich andere Weise, mit Alfred Graf, dem Kurator der Ausstellung, gemeinsam, weil sie, wie dieser, die Welt „Stück für Stück“ sich erschließt, „Mapping the World“. Es ist Grafs zehntes Kuratorenjahr in der Remise. Die allerARt war immer so etwas wie ein Barometer der Kunst. Wie die Hollenstein in der Pontenstraße.

„Lie with you where the shadows run from themselves“

Gleich zu Beginn an der kleinen Wand zeigt sie „Stacks“, Schichtungen; die 2014 entstandenen Streifen verbreitert oder verschmälert sie im Goldenen Schnitt – unterlegt sie mit Gelb, Rot, Blau und Orange, die eine besondere Leuchtkraft entfalten. Es kommt auf die Distanz an, ein Variantenspiel ad infinitum. Es wäre nicht die Aberer, hätte sie diese Idee nicht weiter gesponnen. In 16 Holzausschnitten. Die Thematik ist nicht revolutionär anders, eher gleich, sie nimmt die Schichtungen wieder zurück, wechselt vom Dreidimensionalen in die Fläche, man müsste die Zahl der Möglichkeiten ausrechnen.

Daneben die 16 Zeichnungen von den nicht sichtbaren Stellungen – nur diese Linien, wo sich die Streifen überschneiden, nimmt sie heraus und hängt sie daneben. Ganz konsequent gezeichnet, Baupläne, skurrile Formen; man kann darin eigentlich gar nichts sehen. Es ist die pure Lust am Spiel, an der Zerlegung und Zusammensetzung von Formen, die Lösungen ergeben sich fortlaufend, quasi wie von selbst, nichts Experimentelles, die Aberer muss da nichts ausprobieren, es genügt keinen Grundsätzen, oder gar der Kunst. Sie ist in gedachter Fortsetzung des Natter’schen Erzählprinzips von der Odyssee und den heldenhaften Fahrten durch die Abenteuer, die Penelope, die im Atelier ihre Ideen in ziemlich skurrile Sprachen übersetzt. Außer dass sie aus dem Quadrat entstanden sind, folgen sie keinen Entsprechungen, und durch das Weglassen des Rahmens, bekommen sie zusätzlich nochmals eine Sprache, weil sie zueinander und untereinander Bezug aufnehmen können, bis zur Framelessness.

Es braucht immer auch die Poesie

Wenn sie jetzt an den imaginierbaren Rändern ihre konkrete Position verfrachtet, wie die Bachmann den Kahn, den quadratischen Raum auslotend, den man sich als Einzäunung oder Gartenzaun denken kann, öffnen sich die inneren Anhaltungen, die die Grenzen überwinden. Sie öffnet die Fenster hinaus in den Park und hört die Stimmen, wie bei Schnitzler, geht den Hügel hinunter. Wir fragen uns, was ist dazwischen geschehen, die ganze Malerei, Landschaft und Stillleben.  Sie hat immer mehr abstrahiert, weggelassen und nur mehr das gesagt, was wirklich notwendig ist, und nichts darüber hinaus. Kein Wort zu viel. Wie bei Kafka. Man kann über die Gurre-Lieder reden und erfasst sie doch nicht, man kann über Aberers Kunst reden und erfasst sie doch nicht.  Wir sind begrenzt, in allen Sprachen. „Yellow tigers crouched in jungles in her dark eyes.“

Man will immer zu viel wissen, und weiß gleichzeitig, dass man da nicht hinkommt. Ich kenne kaum eine Künstlerin, die so konsequent arbeitet; sie beginnt ihre Kunstwerke, aber die, die sie beenden, sind nicht dieselben, wie diejenige, die sie begonnen hat. Die Faszination des Raums, die Tiefe des Raums, und sei er noch so weiß, wie er weiß ist: „In a white room, with black curtains, near the station, / Black roof country, no gold pavements, tired starlings“ sangen The Cream1968. Vielleicht hat man 16 mehr gewusst als heute.