Kleine Geometrie der Annäherung

Die Zirkelspitze setzt in einem einzigen Punkt an. Entlang der Koordinaten von Zeit und Raum definiert sie ein Geschehen, einen greifbaren und doch abstrakten Augenblick zwischen einem Davor und Danach. Die Nadel durchdringt die Oberfläche des Scheines, sie geht ins Innere des Physischen. In der Art von Schmetterlingssammlern wird der Fluss der Veränderung angehalten.

Ilse Aberer verwendet bei vielen Arbeiten als Ausgangspunkt das weiche, leicht zu schneidende Styroform. Die Künstlerin versiegelt diesen verletzlichen Kern mit der Härte eines Lacks, der „unantastbar Eigenes“ schützt. Unter dieser Haut wird jeder Inhalt ( white sands, red rocks ) zur erstarrten Landschaft. Der eigentlich flüchtige Sand, dessen wandelbare Erscheinung sich aus sich selbst bedingt, wird zum verfestigten Negativ, zur gefrorenen und doch nicht greifbaren Empfindung.

Während der Zirkel das Herz berührt, so kratzt das Blei seines umschriebenen Kreises nur an der Oberfläche. Der Kreis definiert eine Reihe von Augenblicken und Orten, denen eine gleiche Distanz zum Zentrum eigen ist. Der Ausgangspunkt kann nie berührt werden. Vielmehr wird ein Wirkungsfeld beschrieben, ähnlich der Absperrung von Tatplätzen. Die einfache, geschlossene Form des Kreises ruht in sich, doch jede Art der Annäherung, die ihn überschneidet, verletzt seine scheinbar autarke Stärke.

Die Konstruktion regelmäßiger Vielecke (3-, 5-, 6-Ecke) fußt auf einem geschlossenen Kreisbogen, der eben in gleiche Teile gestückelt wird. In der Verbindung der Eckpunkte- Momente der Bedeutung- gewinnt die Form an lebhafter Dynamik, da die einzelnen Punkte auf den Umlaufstrecken sich unterschiedlich zu ihrem ursprünglichen Zentrum verhalten. Der ruhende Kreis nimmt damit Beziehung auf zu seinem Zentrum und seiner Umgebung. In der Überlagerung und Einschreibung geometrischer Grundformen kommunizieren diese abstrakten Gefäße, sie bedingen, durchdringen und umarmen sich, sie treten in Beziehung zueinander (opened, big hug,touching all around).

In der Bezugnahme und Wiederholung reflektiert die Künstlerin nicht nur das grundsätzliche Verhältnis der Formen, sondern auch ihre Situation als zweidimensionale Gebilde innerhalb eines Hinter- und Vordergrundes (rotation). Verhält sich die Form zur Bildfläche (als Ausschnitt oder Projektionsfläche innerhalb eines mehrdimensionalen Raumes) positiv wie eckige Lebkuchengebilde zur teigigen Masse des Geschehens, aus dem sie metallisch ausgestanzt werden, oder negativ wie ein Ausgrabungsgegenstand zu seiner Fundstätte? Ilse Aberer arbeitet mit beiden Prinzipien der visuellen Orientierung.

Während das Drehen an den Scheiben eine Vorwärtsbewegung im Kreis ist, die den Stechpunkt des Zirkels nicht wirklich aus den Augen lässt, so signalisiert der Doppelpunkt (:) nicht das Ende, sondern Fortsetzung. Ein zweiter Punkt wird zum Ausgang einer Verschiebung von Wirkungskreisen, einer potentiellen Entwicklung der Welle. In ähnlichem Sinne funktionieren die leichten Filter aus Transparentpapier, die eine zusätzliche Bildebene einziehen. Als neue Basis bergen sie die Ahnung und Anmutung einer gespeicherten Information , die zwar darunter liegt, doch Überlagerung zulässt.

Ilse Aberer zieht Linien, die das Auge gefangen halten. Entlang einer Spur wandert der Blick des Betrachters wie ein Komet, der auf seiner Bahn von der Gravitation der großen Massen (Kreise) angezogen wird. Schließlich vermag er sich nur durch seine eigene Geschwindigkeit, sein Lebenstempo wieder zu lösen, um doch bald wieder erneut in den Bann gezogen zu werden. Der glühende Stern kann (gleich Chaplin zwischen den Rädern der Maschine) nicht stillstehen, um die Anziehungskraft und Magie zu hinterfragen.

Verstehen wir unser Jetzt als vektorielle Ausrichtung, als gerichtetes Sein innerhalb eines räumlich-zeitlichen Kontinuums, so wirken Ilse Aberers Arbeiten magisch einfach. In der Art von Tangenten, die an Kreise anlegen, berührt ihre Kunst und gibt unserer Befindlichkeit Halt.

Winfried Nußbaummüller