Ilse Aberer
Galerie Stephanie Hollenstein, Lustenau
15.Sept. - 14.Okt. 2012

 

Auf der Suche nach der Essenz der Dinge

In der Galerie Stephanie Hollenstein ist eine kompakte Gesamtschau der Götzner Künstlerin Ilse Aberer zu sehen.

 

Leicht und filigran wirken die jüngsten Arbeiten von Ilse Aberer, die zuletzt während eines dreimonatigen Auslandsstipendiums der Künstlerin im tschechischen Krummau entstanden sind. Fast erinnern sie an Blütenblätter oder Stickereispitzen, zumal an diesem Ort, der einen Stock tiefer auch das Lustenauer Stickereimuseum beherbergt. Erdig, pastos, noch von einer starken Körperlichkeit getragen, dagegen das Gemälde „Bodybridge“ von 1991. Zwischen diesen beiden zeitlichen Marken präsentiert sich das Oeuvre von Ilse Aberer in der Galerie Stephanie Hollenstein in einer erstaunlichen Kompaktheit.

Strenge und Poesie
  

Die 1954 geborene, in Götzis lebende und arbeitende Ilse Aberer, hat nach dem Besuch der Hohenemser Segmente in den späten 1980er Jahren ihr Schaffen systematisch und mit grosser Konsequenz weiterentwickelt. Ihr Name steht mittlerweile für eine eigenständige Position und ein konzeptionell angelegtes Werk, dessen Strenge und Strukturiertheit von Emotion, Poesie und Zufall gebrochen werden. „Carte Blanche“ lautete das Motto für Kurator Winfried Nussbaummüller, denn Ilse Aberer hat ihre Ateliertüren für die aktuelle Ausstellung weit geöffnet. Diese Gelegenheit hat Nussbaummüller genützt und tatsächlich aus dem Vollen geschöpft. Das kommt besonders in einer Ecke des grossen Ausstellungsraumes zum Ausdruck, in dem dicht an dicht gehängt und gestellt wurde, was in dieser Konstellation noch nie zusammen zu sehen war und auch nicht zusammengehört. Dennoch vermittelt, inmitten der totalen Reduktion rundum, dieses bunte Sammelsurium von Trouvaillen und Raritäten, das den Eindruck erwecken könnte, als Ensemble so direkt aus dem Atelier der Künstlerin zu stammen, einen sehr lebendigen Einblick in Denk- und Arbeitsprozesse. Wie in Zeitraffer werden Wege der Bildfindung über die Jahre deutlich und die kleinen Schritte zwischen den einzelnen Werkgruppen nachvollziehbar gemacht. Gefaltete Papiermodelle, Arbeiten mit Schnüren, Verflechtungen, Raster- und Fensterbilder, das Thematisieren von horizontal und vertikal, die Verschiebungen die sich bereits ankündigen und die kleinen Exkurze ins Material - sie alle erzählen vom Weg in die Abstraktion, den Ilse Aberer stets mit Blick voraus gegangen ist.

Körper und Kreise
 

Fast „Exotenstatus“ nimmt ein Konvolut von frühen Aktzeichnungen, en bloc präsentiert, ein. Das an die Figur gebundene Zeichnen und die Auseinandersetzung mit dem Körper stellt für die Künstlerin eine  „wichtige Schule für das Auge und die Wahrnehmung, auch in Bezug auf die abstrakte Kunst“ (Aberer) dar. Aus der Auseinandersetzung mit Aspekten von Körperlichkeit entstand dann 1991 schliesslich auch das erste abstrakte Gemälde „Bodybridge“ („Körperbrücke“), das sich in seiner erdigen Farbigkeit neben den minimalistischen, ausschnitthaft in der Ausstellung vertretenen Werkgruppen der letzten Jahre behauptet. 

Darunter sind bisher noch nicht ausgestellte Fotoserien wie „4 hours 2 minutes“ oder „Clouds“. In einem Medium, das von Ilse Aberer für tagebuchartigen Aufzeichnungen genutzt wird, kreisen sie um die grossen, werkimmanenten Themen wie Bewegung und Verschiebungen, während die jüngst entstandenen Fotos Teil einer grossen Werk-Boden-Installation sind und unter dem Titel „The Big Flow“ den scheinbaren Moment des Stillstands inmitten der Bewegung des Flusses festhalten. Inspiriert von der Moldau, zieht sich das „Fliessen“ durch die meisten der zuletzt in Krummau entstandenen Arbeiten, aber auch im Schaffen der Künstlerin lässt sich in den vergangenen Jahren tatsächlich ein „Flow“, als äusserst produktive Phase, ausmachen.

„Weg vom Kreis“ – dieses Ziel hat sich Ilse Aberer für ihren Aufenthalt in Krummau gesetzt und die Reise mit einer Menge von Karton-Quadraten im Gepäck angetreten. Angesichts einer Stadt, in der alles dem Gesetz der Krümmung zu gehorchen scheint, konnte Ilse Aberer nicht umhin, wieder auf das Runde zurückzugreifen, diesmal in Form von Viertelkreisen, die entweder die kleinen Karton-Quadrate überziehen oder aber als Kreissegment-Linien die Blätter strukturieren. Rhythmisiert und zueinander in Beziehung gesetzt, übereinander gelagert und geschichtet, gegeneinander gedreht und verschoben, durch Farbe akzentuiert oder streng reduziert, ohne Anfang und ohne Ende, in alle Richtungen offen, die Zeitlichkeit aufhebend und einen Moment im Hier und Jetzt markierend – die durchgespielten Variationen des an sich simplen Motivs scheinen unendlich.

Papierene Miniatur-Gebirge

Vorweggenommen wurden sie in der Serie „Magic Circle“, die zuletzt im Künstlerhaus in Bregenz zu sehen war. Ausgehend von Disketten, als portable, magnetische Datenträger und als Speichermedium, das heute nicht mehr im Handel erhältlich ist, sind Zeichnungen und Objekte entstanden, die auf geometrischen Grundsätzen und Ansätzen der konkreten Kunst basieren. Zerlegt in ihre Bestandteile kokettieren metallene Spangen, bunte Gehäuse, vor allem aber die Kreissegmente, nicht nur mit ihrer industriellen Material-Hochglanzästhetik, es werden auch inhaltliche Aspekte vermittelt - der Kreis als Form aller Formen, die Datenträger, deren Geheimnis nicht gelüftet wird.

Noch spielerischer und zugleich kontrolliert und von schwebender Leichtigkeit präsentieren sich die Arbeiten aus dem Zyklus „Himmel und Hölle“ von 2007. Dazu zählen sowohl die am Computer generierten, gedrehten und im Fallen begriffenen (farbigen) „Himmel-und–Hölle-Figuren“, als auch die aus weissem Papier gefalteten, in endloser Handarbeit entstandenen, aneinander gereihten, wie Miniatur-Gebirgslandschaften wirkenden Figuren mit ihren grossartigen Licht-und-Schatten-Effekten. Eine Form und eine Farbe – es ist zum einen die Suche nach der Essenz der Dinge, die das Werk von Ilse Aberer auszeichnet. Andererseits ist den Arbeiten eine stille Magie eigen, die sich aus jener besonderen Aberer’schen Mischung von äusserster Reduktion und spielerischem Duktus speist.

Ariane Grabher