Vom Fluss in den Kreis in den Fluss.

Zu Ilse Aberers Ausstellung magic circle im Palais Thurn und Taxis (25.2.2012 bis 25.3.2012)

Prolegomenon. Unversehens ist mir Ilse Aberers Einladung, zu Ihrer Ausstellung im Palais Thurn und Taxis zu sprechen, zu einem Plädoyer für das verarmte Griechenland geworden. So bitte ich Sie, meine Damen und Herren, um acht Minuten Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit. Was sind schon acht Minuten gegen 130 Milliarden Euro Griechenlandhilfe? Nichts. Was aber sind die 130 Milliarden gegen das, was uns die Griechen seit der Antike geschenkt haben? Noch mehr nichts! Es gäbe diese Ausstellung nicht, hätten uns nicht die Griechen den Namen der Diskette geliefert; und nicht nur den Namen: auch das Wissen dazu und darauf!

Was zu Ilse Aberers Kunst aus kunsthistorischer und kunsttheoretischer Hinsicht zu sagen ist, hat etwa Ingrid Adamer im schönen Katalogbuch zu dieser Ausstellung gesagt. Mir obliegt ein mehr philosophischer Blick auf die im Götzner Atelier entstandenen und hier ausgestellten Werke, meine Perspektive ist eine andere, freiere, eine listige. Denn die Begegnung mit Ilse Aberers Arbeit ist eine Begegnung der homerischen Art; Ilse Aberers Arbeit selbst ist homerisch. Wer sich mit ihr – mit Ilse Aberer wie mit ihrer Arbeit – einlässt, gerät bald ins odysseische Fahrwasser. Das ist ein Gebiet, das bekanntlich nur unter Aufbietung vieler Listen erfolgreich durchquert wird und dessen Durchquerung längere Zeit in Anspruch nimmt. Odysseus ist der Listenreiche. Lange Listen von Gefahren, die nur mit Hilfe vieler Listen umschifft werden. Wo sie nicht umschifft werden können oder wollen, wie etwa im Fall der Sirenen, kommen eben die Listen zum Einsatz. Ganz wesentlich ist es, sich nicht nur selbst zu wappnen, sondern auch die Gefährten mittels raffinierter Kunstgriffe selbst vor jenen Gefahren zu schützen, die sie gar nicht sehen. Wer Ilse Aberers Arbeit, also ihrer Kunst, begegnet, wird zu einem solchen Gefährten. Ihm oder ihr wird allerdings ein Verfahren zuteil, das dem von Odysseus im Falle der Sirenen gewählten diametral gegenüber steht. Wurden dort die Ohren mit Wachs verstopft, so werden hier die Augen geöffnet. Es werden die Augen hinters Licht des oberflächlichen Scheins geführt.

Ein philosophischer Zugang also; das kann sich z.B. so anhören, um im Griechischen zu bleiben: Sokrates der alte Greis / sagte oft in tiefen Sorgen: /“Ach, wie viel ist doch verborgen, / was man immer noch nicht weiß.“ Das ist unverkennbar ein Auszug aus Wilhelm Buschs gereimter Philosophiegeschichte. Sokrates, meine Damen und Herren, ist so tot, eigentlich: so lebendig wie Homer. Die Grenzen sind fließend. Weil die Linie, die von ihm zu uns führt, fast unübersehbar lang ist, glauben wir, ihr nicht mehr folgen zu müssen. Denn gerade wenn wir uns am hoffnungslosesten im Kreis, auch wenn es ein magic circle ist, drehen, gehen wir am schlampigsten mit der Linie um, die zu unseren Ahnen führt. Überhaupt: Dass die Zeit linear vergeht, ist einerseits das große Negativum des Lebens – im Ganzen genommen. Sie macht das Ende absehbar. Nur im Kleinen ist das lineare Element ein Segen. Das Leben ist kurz, die Tage sind lang. Widmen wir uns also dem Zyklischen – Ilse Aberers magic circle. Sokrates, der alte Schwätzer, war, wie Platon lehrt, kaum je um eine Antwort, besser: um eine Frage oder ein Argument, eine Rede oder eine Ausrede verlegen. Nur zwei Phänomene hat es gegeben, die ihn halbwegs verlässlich zum Schweigen, zum Maulhalten und Nachdenken gebracht haben. Das erste dieser Phänomene, Naturgewalten gewissermaßen, war seine Frau, die berühmte Xanthippe, die den abgehobenen Plauderer immer wieder auf den Boden des praktischen Lebens und der ehelichen Pflichten zurückgeholt hat, von wo sich der holde Gatte in wahrlich knabenhafter Manier nur zu gern verabschiedet hätte. Das zweite und hier maßgeblichere Phänomen war die berühmte heraklitische Frage, ob man denn zwei Mal in denselben Fluss steigen könne. Oder gar zwei Mal als derselbe in denselben Fluss. Diese Frage ist immer wieder mit mehr oder weniger Aufwand verneint worden; sie lässt sich zuspitzen: Kann man überhaupt IN den Fluss steigen? Geht es – für uns ungefragt Geborene! – wirklich darum, IN den Fluss zu steigen? Geht es nicht vielmehr darum, irgendwann AUS dem Fluss zu steigen? Das Rad der Zeit anzuhalten, an Land zu gehen wie Odysseus in Ithaka, auch wenn wir, wie eben Odysseus demonstriert, einen exorbitant, einen absurd hohen Preis dafür bezahlen müssen, festen Boden unter den Füssen zu haben!

Wir sind im Fluss, im Strom, es geht dahin, es geht voran. Scheinbar. Denn im Wesentlichen, weiß die Philosophie,  gibt es keinen Fortschritt. Hier sehe ich den konstruktiven Ansatz und den wesentlichen Beitrag von Ilse Aberers Arbeit(en). Eine Diskette ist eine Diskette. Eine Diskette ist natürlich keine Diskette. Sie ist nur als Ganzes, also als Entfremdetes, Montiertes eine Diskette, als solche ein unselbständiger Teil unserer allgegenwärtigen ozeanisch-sirenenhaft lockenden Informationsverarbeitungs- und damit zugleich Unterhaltungs- und Zerstreuungsmaschinerien und sie ist viel mehr, bzw. etwas ganz anderes. Ihre Teile sind, in der hier präsentierten Gestalt sowieso, etwas völlig anderes als das Ganze. Das ist unser Problem: Die Gewohnheit, Einzelteile, Einzelnes, Individuelles fast gänzlich seiner Eigenart zu berauben und es in größere und gänzlich andersartige Prozesse einzubauen, das ist unser Problem. Vielleicht nicht heute, nicht hier und jetzt, aber auch dieses Hier und Jetzt ist endlich. Denken wir an das Zyklische.

Ein Postskriptum aus Ilse Aberers Werkstatt. Alle Bildnerei, lernt der Besucher dort zwischen Tür und Angel, alle Bildnerei ist Abbildung des nicht Abzubildenden. Jede Dar- und Ausstellung, sei es ein einfacher Kalender oder sei es ein hochartifizielles Kunstwerk, ist eine Annäherung an das Flimmern – an das gute alte, selige Testbildflimmern vielleicht –,  zu dem alles wird, wenn wir uns selbst aus dem Bild oder aus dem Spiel nehmen. Sagt Ilse Aberer.

Peter Natter