Circle - Ein poetisches Ritual

In Ilse Aberers Circle Welt wird die Welt durch Gedankenstriche angedeutet. Doch die sieht man nicht. Ursprünglich nimmt sie zwei Prototypen. Durchschneidet sie. Belässt ihnen ihre Größe und Proportionalität. Zerlegt sie in Halb- und Viertelkreise. Segmentiert sie. Teilt auf. Spielt damit. Legt diese Formen in Variationen aus. Dreht sie. Lässt weg. Spart aus. Konstruiert Abfolgen und Räume. Ohne das Spiel der Optionen zu vermessen. Interessiert sich für die Syntax. Für die Reihenfolge. Und geht mit den Strichpunkten, dem wichtigsten Satzzeichen, spazieren. Wie Robert Walser drüben am Schweizer Berg. Mit Red Blue und Yellow. Bei jedem Wetter. Sie, Ilse Aberer, macht das alles mit ihren Mitteln der Kunst. Was die technische Seite anbelangt.

Doch es ist mehr. Join Up und Join In sind auch artistische Magie. They are a kind of magic. Ein Zauber wohnt ihnen inne. Sie schafft Zwischenräume. Auslassungen. In denen, wie gesagt, nicht einmal ein Gedankenstrich Platz hat. Auf diesem formalen Gerüst baut sie ein Ensemble von Variationen. Jedes einzelne Bild besitzt einen eigenen, ganz individuellen Charakter. Den inneren strukturellen Zusammenhang der Variationen untereinander liefert die Spielart des Kreises. Wie das G-Dur in den Goldberg-Variationen bei Johann Sebastian Bach, BWV 988, eine „Clavier Ubung“ aus dem Jahr 1741. Die Be-zeichnung entstand nach Johann Gottlieb Goldberg, der einem russischen Gesandten am Chursächsischen Hof des Grafen Kaiserling, welcher an Schlaflosigkeit litt, in einem separaten Zimmer sitzend, nächtens beruhigende Musik spielte. Wer wünschte das nicht. Mit Bach’schen Musikbildern unter einem Sternenhimmel in den Schlaf gespielt werden. Man braucht solcher Art Beruhigungen.

Man braucht auch das Meer, das allen neue Hoffnung schenkt, denn es ist der Schlaf, der die Träume weckt. Was man jedoch nicht braucht, ist harmonische Vollständigkeit und universelle Ganzheit. Vielmehr brauchen wir, wie Kinder, Möglichkeiten. Von erwachsen gewordenen Erwachsenen wahrgenommene Verantwortungen. Für Spielräume. Für Element of Choice. Die freie Wahl. Nicht die Mitte. Wer denn will schon die Mitte? Dort ist es langweilig. Und außerdem ist man dort allein. Man geht ja auch nicht in der prallen Sommerhitze ohne Hut spazieren. Aber, man will das Nichtvorhandene, das Ausgesparte selbstständig phantasieren, mit ihm spielen und denken können. Über die Pausen und Unterbrechungen hinaus. Über die Aufenthalte in den Karawansereien hinaus sich ausmalen, wie die Reise weitergeht. So wie es sich die Königin von Saaba ausdachte, als sie auf ihrer langen Reise aus dem jemenitischen Königreich der Myrrhe unterwegs war zu König Salomo nach Jerusalem. Wie diese, baut die Künstlerin ein Ensemble von Variationen. Goldberg Continu-ed. Sie wiederholt. Wie Sören Kierkegaard, der in Tisvildeleje auf dem Felsen an der nördlichen Spitze von Zeeland in Dänemark auf einem Stein sitzend, philosophierte, ohne Wiederholung wäre das Leben nur ein lautes Schreien. Die Zwischenräume verschaffen Luft zum Atmen. Aus den Räumen kommend gehen wir in den Kreisen weiter. Setzen die Reise fort.

Doch letztlich bewahren sich die Modelle der Künstlerin ihr Geheimnis. Wie jenes in Schnitzlers „Reigen“. Weil es auch um die Leere geht, die zwischen Menschen sein kann. Unsere Gesellschaft braucht für diese Auslassungen Kitt in Form von Ideologie, z.B. Ideen der romantischen Liebe und der Hoffnung, um über ihre Brüche hinwegzutäuschen. Und wenn sich im gegenwärtigen Neoliberalismus die Machtgefälle weiterhin verschärfen, werden die Fugen der Gesellschaft noch scharfkantiger.

Like a child in a candy store we want a piece of everything 

Gegen den Imperativ des Glücks, heute in einer Gesellschaft, wo es keine Angst mehr geben darf, wo es eigentlich keinen Anderen mehr geben darf, setzt die Künstlerin mit diesen 16 Bildtafeln wie beiläufig eine Sinfonie von Zeichen. Ein gesponnener Faden durchläuft dieses Tableaux, diesen Almanach, der die Bilder um dieses Panorma des Lebens gruppiert und eine Kulisse schafft. Die Figuren durchkreuzen die Stadt und bewegen sich in den Zwischenräumen. Dort gibt es das Herzensbrot der Liebe, dort erkennt der Mensch die Einzigartigkeit des Anderen.

Mit der Entscheidung für den Kreis, den sie öffnet, greift die Künstlerin gleichzeitig zurück auf die Utopie der Form, plädiert für die Offenheit der Kunsterfahrung. Und letztlich stehen Ilse Aberers Circles auch für die Ermächtigung des Betrachters. Ihre Kreise sind so etwas wie Reisen ins menschliche Gehirn, das unsere Seele macht. Man kennt diese Baupläne noch nicht. Hat vielleicht eine leise Ahnung. Sie fügen sich erst im Kopf des Betrachters zusammen wo sie ein viel-schichtiges Sehen ermöglichen.

Ilse Aberers hier bei Markus Gell gezeigten Circle Kunstwerke plädieren für eine Dezentralisierung, die dem Einzelnen überlässt, was er sieht und was er assoziiert. Sie trifft damit mitten ins Herz der Kunst. Sie berührt das Verhältnis des Künstlers zum Betrachter, ob man ihn als gleichberechtigt sieht, quasi als Co-Kreateur, oder eben nur als Besucher einer Ausstellung, in der ihm Bilder vorgeführt werden, zu denen ihm am Ende, im besten Fall noch ein Glas Wein kredenzt wird. Das formale System hält das Ganze zusammen, bewirkt gleichzeitig eine große kreative Eigenständigkeit und Freiheit, eine Unabhängigkeit, womit wir wieder bei der Ermächtigung des Betrachters angekommen sind.

Diese Erfahrung ist tatsächlich so neu wie eine Reise in ein neues Land. Wie der Weg ins Freie bei Schnitzler. The Road Into the Open. Als verlöre man sich draußen nach dem Park in einem Wald. Hier gibt es eine Offenheit, die überzeugt, ganz nach dem Prinzip, please, no education. Keinen Zeigefinger. Die Arbeiten Ilse Aberers, in ihrer Einzigartigkeit wie im Ensemble, regen unsere Imagination an. Sie schafft mit den Spielarten ihrer Kreise architektonische Räume, bei denen die Zwischenräume, die kunst- und existenznotwendig sind, weil sie die Proportionen ausloten und damit Stabilität begründen. Ilse Aberer führt in die Welt des Unvorhersehbaren, des Nicht-oder-noch- nicht-Verfügbaren. Von diesen Zwischenräumen geht eine immense Wirkung aus. Sie rennen nicht einer Aktualität nach. Das Aktuelle ist langweilig. Für heute Abend und für die Dauer der Ausstellung machen Ilse Aberers Bilder das Gell’sche Druckmuseum zu einem Museum der Wahrnehmung. Das meditative Spiel mit den unterbrochenen und zerschnittenen Formen des Kreises lässt uns als Betrachter unsere Gedanken selbstständig verfertigen. Die Bildtexte der unterbrochenen Linien und Formen ermöglichen uns eine reale Zeiterfahrung von Sprache und Denken. Wir sind selbst dabei, wenn es geschieht. Wir sind präsent. Die Künstlerin spannt uns die Brücken über die Unterbrechungen, von einem Wort zu den nächsten Wörtern. Es sind Bildräume. Die Sprache wird plastisch, die Formen nehmen unsere Gestaltung an. Wir gehen auf zwei Beinen. Spielerisch. Ein Circle Game. Ringareiha. Ein Teppich leiden-schaftlicher Teilhabe an Deiner Kunst. Wer wären wir ohne Deine Bilder. Ilse. Danke. Und Ihnen, geschätzte BesucherInnen, danke für Ihr Zuhören.

pen für Ilse Aberer


Peter Niedermair