Balance

Sich über hundert Jahre nach deren Entstehung als junge Künstlerin in ihrem künstlerischen Ansatz der Konkreten Kunst zuzuwenden, steht hier für fundierte Zielbewusstheit.  Ilse Aberers künstlerisches Fundament besitzt zwei Säulen: Einerseits hat sie sich die Denk- und Arbeitsweisen der Konkreten Künstler zu Eigen gemacht. Andererseits besitzt sie das Selbstbewusstsein und die notwendige künstlerische Kreativität, eigene Wege in der Konkreten Kunst zu gehen.

Alle von den alten Meisterinnen und Meistern  (Bill, Lohse, Loewensberg,  Graeser, Stankowski, …) geschätzten und genutzten Elemente der Konkreten Kunst (Grundfarben, geometrische Grundformen, Moduln, quadratische Bildformate, Farbflächengleichheit, Symmetrien, Drehungen, Verschiebungen, Zahlenfolgen, harmonische Verhältnisse, …) sind  ihr geläufig, aber sie bilden ihr kein Korsett. Ilse Aberer nutzt die Werkzeuge der Konkreten Künstler nicht einfach nur, sondern entwickelt daraus ihre künstlerischen Konzepte:

Exemplarisch sei ein Blick auf die Farbe geworfen: Die Grundfarben Gelb, Rot, Blau treten nur indirekt auf: Sie leuchten hinter leicht erhöhten Montagen auf die Bildfläche (Spaces I, Stack I, Stack II,  alle 2013) und relativieren damit zugleich ihren eigenen Auftritt. Zugleich nehmen sie auch dem Weiß der vorgelagerten Elemente ihre Strenge. Sind Schwarz und Weiß die einzigen Farben (Spaces II, 2013), so hebt sich deren starke optische Differenz teilweise wieder durch die Schatten auf. Und erscheinen in einem Werk  (Stretched, 2013) tatsächlich farbige Flächen, so finden sich dort die Zwischenstufen in Gestalt der Mischfarben ersten Grades. Alle betrachteten Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie in farblichen Zwischenstufen auftauchen – harte Farbzusammenstöße (außer bei Schwarz-Weiß) werden vermieden. Aber dort, wo es ihrer ausgleichenden  Grundeinstellung entgegenkommt, übernimmt sie ein aus der Konkreten Kunst geläufiges Gestaltungsmerkmal unverändert: Die Farbflächengleichheit. Auch sonst übervorteilt in Aberers Werken selten eine Farbe die anderen durch zu breites Auftreten: Die Künstlerin schafft stets eine farblich ausgeglichene Balance.

Auch im Umgang mit den geometrischen Grundformen der Konkreten (Quadrat, Kreis, Dreieck) geht Ilse Aberer einen ungewöhnlichen, persönlichen Weg: Zwar liegen faktisch jedem ihrer Werke geometrische Grundformen zugrunde. Aber fast nie erscheinen sie ungestört. Sie überlagern sich, erscheinen in streng begrenzten Teilen (Viertelkreise in Join up green, 2013), und es gibt sie in manchen Werken zwar in exakten Abmessungen, aber nur virtuell. Dann rechnet die Künstlerin bewusst oder unbewusst das Bedürfnis der Betrachter ihrer Bilder nach festen Bezugspunkten („Superzeichen“ in der Informationsästhetik) ein, z.B. wenn sie es dem Betrachter überlässt, nur wenige Strecken zu einem Quadrat zu ergänzen. Und wenn eine Grundform tatsächlich einmal ungestört erscheint (8 Circles, 2013), dann tut sie es gleich mehrfach, überlagert sich mit ihren kleineren und größeren Artgenossen, löst das strenge geometrische Gebilde zugleich auf und bringt es dennoch mehrfach vor das innere Auge des Betrachters. Es kommt gar vor, dass exakte Teilstücke auf Anhieb kaum noch identifizierbar sind und den Betrachter, wenn er sich - ausgehend vom gelungenen Gesamten in Details verliert, ins Grübeln versetzen könnte. Oder sie geht in Ansätzen schon früher vorgezeichnete Wege (z. B. „rythme du millimètre“ von Aurélie Nemours) auf neue Weise, indem sie eine Gerade breiter und breiter werden lässt, bis sie endlich als Fläche erscheint und dabei Linien und Flächen geradezu in ein labiles Gleichgewicht überführt.

Der Verzicht auf unnötig manifestierte Strenge bei gleichzeitiger Treue zum Konkreten Gesamtkonzept zeichnet Ilse Aberers Werk aus: Quadratische Tafeln, die mehr Modulfelder enthalten als Füllelemente, Achsensymmetrien mit leichten Abweichungen … Sie erlaubt es sich sogar (Stack I, 2013), einen Schritt „zu weit“ von Konkreten Doktrinen zu gehen, indem sie anstelle rationaler Verhältnisse (z. B. mit den von manchen Künstlern vom Ansatz her oft nicht korrekt genutzten ersten Fibonaccizahlen) gleich deren „Endergebnis“ (den Goldenen Schnitt) als Werkzeug nutzt (Stretched, 2013).

Abschließend lässt sich sagen: Ilse Aberer ist eine interessante  Konkrete Künstler-in, wobei die Betonung auf der Silbe „-in“ liegt. Wie ihre großen Vorgängerinnen (Verena Loewensberg, Vera Molnar, Gudrun Piper, Shizuko Yoshikawa, Dora Maurer,  …) schafft sie es, die Kluft zwischen einem eher weiblichen, ausgleichenden Naturell und der kühlen Strenge Konkreter Manifeste zu überbrücken und so mit ihren Abwandlungen und Grenzüberschreitungen einen neuen und sehr individuellen Beitrag zur Konkreten Kunst zu liefern.

Prof. Dietmar Guderian