Weiß hebt ab -
Neue Arbeiten von Ilse Aberer

(KULTUR-Magazin Ausgabe Dez 07/Jan 08)

Nach Ausstellungen von Werner Haypeter, Ben Hübsch, Stefan Kübler und Frank Piasta und dem damit verbundenen Exkurs in die gegenwärtige deutsche Kunstlandschaft, als Mix zwischen Materialästhetik und Farbe und Ornament, beschließt die in diesem Jahr neu eröffnete Galerie Feurstein in Feldkirch ihre erste Ausstellungssequenz mit neuen Arbeiten der Vorarlberger Künstlerin Ilse Aberer.

Nachdem sich die 1954 geborene, in Götzis lebende und arbeitende Künstlerin in den vergangenen Jahren im Ausstellungsbetrieb ziemlich rar gemacht hat, tritt sie nun mit Arbeiten aus zwei parallel zueinander über einen längeren Zeitraum bearbeiteten Werkserien, die eine spannende Weiterentwicklung aufzeigen, an die Öffentlichkeit. „Weiß hebt ab“ ist nicht nur der jahreszeitlich adäquate Titel für die Ausstellung, er zeigt auch die Entwicklung von der Schwere erdiger Farbtöne hin zu neuen klaren, fast heiter-schwebenden Arbeiten voller Leichtigkeit im Werk von Ilse Aberer auf.

Himmel und Hölle
Man nehme ein quadratisches Stück Papier, falte es nacheinander zweimal zur Diagonalen, um den Mittelpunkt zu ermitteln. Dann werden die vier Ecken des Blattes zur Mitte hin gefaltet, das Blatt umgedreht, die Ecken wieder zur Mitte gefaltet, das Blatt wieder umgedreht und nacheinander jeweils zur Hälfte gefaltet. Mit den Fingern unter das obere Blatt in die Ecken fahren, und die vier Seiten wie kleine Hütchen öffnen – fertig ist eine Himmel-und-Hölle-Faltfigur. 234 solcher kleiner Figuren, die in der Gleichförmigkeit eines fast meditativen Arbeitsprozesses aus weißem Aquarellpapier entstanden sind, hat Ilse Aberer fein säuberlich Stück um Stück, Reihe um Reihe aneinandergefügt. Unter einer milchigen Plexiglashülle verborgen, werden Form, Raumwirkung und Tiefe zum Anliegen der Künstlerin. Allein der blick von der Seite, wo das Glas klar ist, verrät, worum es sich bei der spitz aufragenden Bildlandschaft, die wie eine Aneinanderreihung von wehrhaften Miniaturbergen wirkt, im Detail handelt.

Losgelöst von der inhaltlichen Komponente, die für Ilse Aberer zunächst Ausgangspunkt war – „Jedes Leben beinhaltet Himmel und Hölle“ – spielt sich die Künstlerin variantenreich mit einer form, die in früheren Serien als Dreiecksform bereits grundgelegt ist. Die gedrehte, im Fallen begriffene, am Computer generierte Himmel-und-Hölle-Figur wird in ihrer Kompilation, ausgeführt in Holz und übertragen ins Räumliche, zum gezackten Objekt, das an einen Bergzug erinnert. Neben paarweisen Gegenüberstellungen in Schwarz und Weiß finden sich auch Variationen in den Primärfarben Rot, Gelb und Blau oder aber den Mischfarben daraus, denn „auch das Leben ist nicht immer nur schwarz oder weiß“ (Ilse Aberer).

Verletzlichkeit
Den vorläufigen Abschluss des Zyklus „Himmel und Hölle“, der neben kleinformatigen, filigranen Tuschezeichnungen auch zarte, wie ziseliert wirkende Prägungen beinhaltete, bildet ein großes Objekt. Dessen Gesamtform resultiert aus den in Farbflächen übertragenen Himmel-und-Hölle-Formen in allen möglichen Ansichten und Verdrehungen und ist in seinen Dimensionen eigens für die Räumlichkeiten der Galerie Feurstein entstanden. Dieser pure und lichte, bis unter das spitze Giebeldach offene Ausstellungsraum im Dachgeschoss verströmt eine fast sakrale Atmosphäre, die die Wirkung der neuen Arbeiten von Ilse Aberer, denen aller aufragenden Spitzen und Zacken zum Trotz auch eine gewisse Fragilität und Verletzlichkeit eigen ist, wohl noch steigert. Während die einmal gefundene, in Veränderungen begriffene Form wie ein Modul eingesetzt wird, arbeitet Ilse Aberer in der zweiten Werkserie mit „Verschiebungen“. Ausgehend von dem 2005 entstandenen Malerei-Zyklus der „Fensterkreuze“ treibt die Künstlerin das Übereinanderschichten von Räumen und die Reduktion von Form und Farbe als Spiel mit Horizontalen und Vertikalen, mit Tiefe und Fläche, Licht und Schatten immer weiter voran. Seriell hergestellte schablonenartige Raster aus weißem Karton, aus denen Formen ausgeschnitten wurden (oder aber die Gegenstücke dazu), werden übereinander gelegt, minimal diagonal, zur Seite, nach oben oder in zwei Richtungen verschoben, sodass die darunter liegende, genau umrissenen Farbfelder nur noch als Linie oder als Punkt, tief im Bildraum, durchscheinen, während die weißen Strukturen aus dem Bild heraus drängen und das Weiß förmlich zum Abheben bringen.

(Text: Ariane Grabher)